Inhaltsverzeichnis:

  1. Micha-El Goehre 01.02.
  2. Armin Sengbusch 12.02.
  3. Andy Strauß 19.02.
  4. Sabrina Schauer 26.02.
  5. Markus Freise 05.03.
  6. Nadia Ihjeij 12.03.
  7. Bastian Reichardt 19.03.
  8. Pascal Hermeler 26.03.
  9. Tom Schildhauer 02.04.
  10. Annika Blanke 09.04.
  11. Marc-Oliver Schuster 16.04.
  12. Julian Zarncke 23.04.
  13. Lukas Sparenborg 30.04.
  14. Michelle Richter 04.05.
  15. bene kranjc 10.05.
  16. Matthias Klaß 14.05.
  17. Matthias Schindekinski 18.05.

Einleitung


Wir sitzen an der Bushaltestelle und warten auf nix.
Die Judith, der Tom und ich.
Judith kaut Kaugummi, aber nicht so sportmäßig, dass es aussieht, als müsste sie kauen, sondern ganz entspannt und in einem ruhigen Rhythmus. Tom hat eine Sonnenbrille auf. Nicht so ein Angebergestell, sondern ein lässiges, aber völlige Praxisnähe demonstrierendes Modell. Und ich trinke eine Kola aus einer antikapitalistisch eingestellten Brauerei. Ich trinke in kleinen Schlucken, nicht aus Durst, sondern weil ich es kann.
Kurz gesagt, wir vermitteln ein Bild völliger Entspanntheit, wie es eine Butterwerbung mit grasenden Kühen auf einer zivilisationsfreien Bergwiese nicht könnte. Schaut ruhig im Brockhaus nach, unter dem Begriff "chillen". Dort findet ihr kein Bild von uns, weil wir einfach viel zu entspannt waren, um zum Fototermin zu gehen.
"Himmel, Arsch und Zwirn, sind wir ENTSPANNT", sage ich, aber die anderen antworten nichts, weil sie wissen, dass ich recht habe und eine Zustimmung nur unnötig Energie kosten würde.
Es ist nicht so, dass wir nichts tun würden.
Wir kauen Kaugummi, tragen Sonnenbrille, trinken Kola, sitzen an der Bushaltestelle und warten auf nix.
Es grenzt schon an Beleidigung unserer Flockigkeit, als der Bus in die Innenstadt in die Strasse einbiegt und sich uns nähert.
"Der Bus kommt", sagt Judith.
Ach, diese Hektik.
"Ja", sage ich und Tom antwortet: "Ja, ja."
"Meint ihr, er hält an, weil der Fahrer aufgrund unserer Anwesenheit vermutet, wir begehren einen Bustrip in  die City?", frage ich meine Droogs.
"Das wäre aber unpraktisch, wo wir doch gar nicht in die Stadt wollen", sagt Judith.
Und Tom: "Aber wir KÖNNTEN in die Stadt fahren."
Judith hebt ihren Zeigefinger: "Aber wir MÜSSEN nicht."
"Das ist das wundervolle dabei."
Und tatsächlich verringert der Bus seine Geschwindigkeit, wo wir sitzen, der Tom, die Judith und ich und auf nix warten. Ich überlege, den Fahrer mit einer Geste zu verstehen zu geben, dass wir keine Aufnahme durch ihn und sein Gefährt begehren, aber das könnte dazu führen, dass meine Kola überschwappt, was ich jetzt nicht so gut fände.
"Er hält", sagt Judith und der Bus hält und öffnet seine hintere Tür. Aber statt aufzunehmen, entlässt er, und zwar einen schwitzenden jungen Mann in leicht abgerissenem, aber anscheinend recht teurem Anzug und mit einem braunen Aktenkoffer in der Hand. Er wirkt gehetzt, als er regelrecht auf den Bürgersteig springt, nach rechts und links schaut, dann nach rechts und nach links und zu uns und dann stürmt er auf uns zu und drückt Judith den Aktenkoffer und einen zerknüllten Zettel in die Hand.
"Bringt das zu Boris!", flüstert er uns zu. "Er weiß, was zu tun ist." Dann springt er zurück in den Bus, bevor sich die Türen schließen und das Flaggschiff des öffentlichen Personennahverkehrs wieder seine Fahrt aufnimmt. Und gerade, als er um eine weitere Ecke verschwindet, kommt mit quietschenden Reifen und heulendem Motor - und als würde RTL dafür bezahlen - ein schwarzer Ford in die Strasse eingebogen und folgt dem Bus. Kurz sieht man drei äußerst finster dreinguckende Frauen in dem Wagen sitzen, eine Brünette, eine Blonde und ein Rotschopf und brüllend lauter Verfolgungsjagd-Heavy-Metal pumpt aus den runtergelassenen Seitenscheiben. Als sie den Bus hinterher verschwunden sind, schauen wir uns bass erstaunt an, der Tom, die Judith und ich.
Judith lässt die Verschlüsse des Aktenkoffers aufschnappen und öffnet den Deckel soweit, dass wir einen Blick riskieren können.
"Oh, verdammt!", sagt sie.
"Leck mich fett!", der Tom.
"Sind wir glücklich, Vincent?", sage ich und nehme mir vor, weniger vorm Fernseher zu hocken.
Judith schließt den Koffer wieder, dann entknüllt sie den Zettel des hektischen Typen.
Darauf steht eine E-Mail Adresse: boris.bonebreaker@
"@was?" fragt Tom.
"Tja, das sollten wir wohl rausfinden, bevor die drei Verfolgungsjagdfurien checken, dass wir den Koffer haben."
"Tja, das war's dann wohl mit unserer Ruhe", meint Tom und wir nicken. Da sitzt man an der Bushaltestelle und wartet auf nix und dann sowas.
Ärgerlich, aber so ist das Leben.
Sich näherndes Motorheulen und Verfolgungsjagd-Heavy-Metal kündet von Schwierigkeiten. Wir haben definitiv Trouble am Hals.
"Wir sollten los", sage ich und die anderen stimmen mir zu. Judith klemmt sich den Aktenkoffer unter den Arm und wir rennen los.
Als wir über einen Zaun springen und uns in die Büsche schlagen, fragt Tom nicht ganz unberechtigterweise: "Weiß eigentlich irgendeiner, wer zum Teufel dieser Boris ist?"

Micha-El Goehre | Beitrag 1 | 25.01. - 01.02.