Inhaltsverzeichnis:

  1. Micha-El Goehre 01.02.
  2. Armin Sengbusch 12.02.
  3. Andy Strauß 19.02.
  4. Sabrina Schauer 26.02.
  5. Markus Freise 05.03.
  6. Nadia Ihjeij 12.03.
  7. Bastian Reichardt 19.03.
  8. Pascal Hermeler 26.03.
  9. Tom Schildhauer 02.04.
  10. Annika Blanke 09.04.
  11. Marc-Oliver Schuster 16.04.
  12. Julian Zarncke 23.04.
  13. Lukas Sparenborg 30.04.
  14. Michelle Richter 04.05.
  15. bene kranjc 10.05.
  16. Matthias Klaß 14.05.
  17. Matthias Schindekinski 18.05.

Beitrag 3

 

Eine Geste, die mich nervös macht. Ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn Tom seinen Riechkolben mit seinen Fingern malträtiert und seine Nasenhaare stylt, schließlich kann er nichts für sein Trauma, aber wenn Judith ihren Kopf schüttelt, dann weiß ich damit nicht umzugehen. Immerhin befindet sich ihr Gehirn in diesem Kopf und dieses Gehirn ist das Gehirn unserer Gang, durch das Schütteln bedroht sie also nicht zuletzt auch meine Denkfähigkeit. „Hör verdammt nochmal damit auf“, schreie ich sie viel zu laut an. „Was ist den los“, flüstert Tom, der auf piano macht, weil er fürchtet, von eventuellen Verfolgern entdeckt zu werden. „Sie hat es wieder getan“, antworte ich. „Was habe ich denn getan“, will Judith wissen. Ich werde sauer. Denn eigentlich sollte sie wissen, was sie getan hat. Nicht weniger als dreihundertvierundzwanzig Mal (ich habe jede einzelne Mal notiert) habe ich ihr schon gesagt, dass sie ihren ach so wichtigen Kopf nicht schütteln soll, damit ihre Festplatte nicht abschmiert. Kaugummi kauen soll sie, das sorgt für gute Belüftung in der Birne, aber möglichst wenig Bewegung. Da Worte bei ihr anscheinend nicht ausreichen, greife ich nach ihrem Kopf und schüttle ihn fest, dabei brülle ich: „DAS hast du verdammt nochmal gemacht!“
Tom versucht, mich von ihr abzuhalten, aber es muss bei mir einfach raus und so schüttel ich weiter. So lange, bis ich plötzlich Judiths Kopf in meiner Hand halte. „Huch“, sage ich und Tom kichert. Sowas haben wir beide noch nie gesehen, einfach einen Kopf abgeschüttelt. Ich bin anscheinend doch stärker, als ich immer gedacht hatte.
„Das braucht sie dann wohl nicht mehr“, sagt Tom und will gerade den Kaugummi aus Judiths Mund nehmen um ihn selbst weiter zu bearbeiten, als sie zu- und in seine Finger beißt. Vor Schreck lasse ich den Kopf fallen. Er rollt ein paar Zentimeter weiter und bleibt neben einer jungen Butterblume liegen. „Ihr Penner“, sagt Judiths Kopf. Dann ist Zeit für eine Erklärung. Judith berichtet, dass sie als Kind einer Pommesbudenbesitzerfamilie zur Welt gekommen sei. Als sie noch sehr klein war und alleine in der Pommesbude spielte, sei sie beim Spielen mit den Beinen voran in die große Friteuse gefallen und bis auf den Kopf wurde damals alles an ihr fein knusprig. Da das alles noch zur Hochzeit des Kommunismusses und in einem Land, das es längst nicht mehr gebe, passiert sei, war es damals noch legal, Menschenköpfe auf Roboterkörper zu transplantieren. Eben jenes sei mit ihr passiert. Sie laufe seit den späten Siebzigern mit diesem Körper herum und wachse deswegen auch nicht. Ihre Energie ziehe sie einerseits aus den Photovoltaikplatten an ihrem Hinterkopf und zusätzlich aus den radioaktiven Kaugummis, die sie sich monatlich aus dem niedersächsischem Gorleben liefern lasse.
„Aha“, sagt Tom am Ende ihrer ausführlichen Erklärung. Ich hatte mir so etwas schon immer gedacht und freue mich, endlich Gewissheit zu haben, ärgere mich allerdings auch, dass jetzt einer von uns immer Judiths Kopf mit sich zu tragen habe. Um zu schauen, ob die Luft rein ist, hebe ich Judiths Kopf über den Rand der Büsche und da sie niemanden sehen kann, stehen Tom und ich endlich wieder auf. Da wir nicht zu viele Spuren hinterlassen sollten, beginne ich mit Tom unter Zuhilfenahme eines herbeigeeilten Spatens ein Loch zu graben und die Roboterhälfte von Judith dort drin zu verstecken. Wenn wir auch sonst so entspannt sind macht uns das buddeln heute richtig Spaß, denn das Wetter ist ideal und die Erde sehr locker. Bis zur Vollendung des Loches brauchen wir zwanzig Minuten, ich habe jeden Spatenstich protokolliert. Gerade als wir Judiths schweren Körper anheben um ihn verschwinden zu lassen, entdecken wir eine Aufschrift an der Stelle des Körpers, wo vorher der Hals drauf gesessen hat: „Erbaut von Prof. Dr. Boris A.G.S. Bonebreaker“ (geschrieben auf Kyrillisch, aber das verstehen wir ja alle).
„Guck! Manchmal muss man Menschen den Kopf abreißen, wenn man auf der Suche nach Hinweisen ist“, sagt Tom und ich nicke, da ich es als Aufforderung verstehe. Doch als ich nun versuche, Toms Kopf für den nächsten Hinweis zu schütteln, sagt er, dass er das so nicht gemeint habe, der Spinner.
„Wir müssen jetzt meinen Wurzeln folgen“, sagt Judith und hat wahrscheinlich recht. Tom will Judiths Körper in das Loch folgen, doch wir erklären ihm, dass das nicht mit Wurzeln gemeint ist. Zwar versteht Tom nicht genau, was wir denn dann mit Wurzeln meinen, stimmt aber zu, als wir sagen, dass wir jetzt zuerst zu der schicksalhaften Pommesbude müssen, da Tom großen Hunger hat. Glücklicherweise erinnern wir uns, dass eine der Haltestellen des Busses, der nicht weit von uns abfährt, Schicksalhafte Pommesbude heißt. Ich nehme Judith unter den Arm und Tom an die andere Hand, dann laufen wir gemeinsam los.

Andy Strauß | Beitrag 3 | 12.02. - 19.02.