Inhaltsverzeichnis:

  1. Micha-El Goehre 01.02.
  2. Armin Sengbusch 12.02.
  3. Andy Strauß 19.02.
  4. Sabrina Schauer 26.02.
  5. Markus Freise 05.03.

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Beitrag 5

 

„Das ist wirklich ganz prima gelaufen. Das ist wirklich so prima gelaufen. Ich weiß überhaupt nicht, wohin mit meiner Begeisterung. »Bäbäbä ... Wer braucht schon Arbeit. Wir haben doch uns. Komm, wir hängen an der Bushaltestelle ab. Zum Arbeitsamt kannste auch morgen noch gehen.« Leck mich. Leck mich. Seit Wochen sage ich, dass wir uns eine Arbeit suchen sollen. Damit wir was zu tun haben. Aber nein. Unseren Bildungsbürger-Revoluzzer aus Buchenhecken-City ist das ja nicht Punk-Rock genug. Wir sind ja so Mellow. »Im Brockhaus findet man kein Bild von uns ... Bäbäbä.« Leck mich. Leck mich mal da, wo wir jetzt sind: Am Arsch!“
Tom zappelte schon die ganze Zeit und versuchte irgendwie, sich zu befreien und währenddessen verfluchte er mich. Also, eigentlich uns als Gemeinschaft inklusive Judith. Nur war die nicht hier. Nur Tom und ich und ungefähr - ich sag mal: tausend – andere.
„Ist doch ein prima Abhängen, hä? Haste doch gesagt, heute morgen, als du mich aus dem Bett getrötet hast mit deiner albernen Fahrradhupe. »Lass mal abhängen heute«. Haste geschafft. Und wo ist eigentlich diese Roboschnepfe mit ihrer rührseligen Fritteusen-Geschichte? Das hier ist mal eine Fritteuse. Davon hätte deren Mama feuchte Augen bekommen. Leck misch fetter, Pommes-Püppi.“ schrie er nun in die weite der riesigen Höhle hinein.
Mit „Abhängen“ meinte er wohl, dass wir in ein Geschirr geschnallt waren und dieses mit einer Seilwinde in der Decke der Höhle verankert war. Unsere Füße baumelten in der Luft, gute 30 Meter über dem Boden. Zumindest dem, was einem Boden am nächsten kam. In der Tiefe unter uns blubberte es. Triefend heißes Fett auf einer Fläche, auf der man locker ein kleines Dorf hätte unterbringen können. Dort hingen wir. Mit den ungefähr - ich sag mal lieber doch: zehntausend – anderen. Oder neuntausendneunhundertneunundneunzig. Oder neuntausendneunhundertachtundneunzig. Oder. Oder. Es machte gar keinen Sinn, die zählen zu wollen. In einer beunruhigend hohen Taktung sauste nämlich immer genau einer der Leidgenossen herunter, wurde kurz eingetunkt, es machte „Zzzzissssch“ und wenn er wieder herausgefischt wurde „Schlllock“. Schließlich wurde sein ordentlich durchfrittierter Körper, auf dem der Kopf genau wie bei Judith völlig intakt thronte, wieder hochgezogen. Dann eierte ein kleiner Roboter heran, der gar nicht so lustige Geräusche machte wie in Filmen sondern mehr so als ob ein Panzer kotzen würde und auch war der überhaupt nicht wirklich niedlich, sondern so hässlich wie ein Autounfall. Auf jeden Fall trennte der den Kopf des Fritten-Futzis vom Körper, ließ das Haupt in einen runden Korb an seiner eigenen Unterseite rollen. Der Körper fiel hingegen in eine ebenfalls herangeschwebte Lore mit der Aufschrift „Boris’ Chicken Club“.
Tom fluchte weiter. „Hühnchen. Ja. Hühnchen hat der da eben in dem Film gegessen. Alter, der hat einen von uns geknabbert. Ganz genüsslich. Nur, soviel wie hier lecker frittiert wird, kann einer alleine gar nicht essen. Und dass einer von diesen Klapperkaspern mit Menschenkopf und Alu-Skelett was zu Essen braucht, glaube ich nicht. Die haben doch sicher alle so einen Uranstab hinten drinstecken. Kannst du dir ja ausrechnen, was mit den anderen lecker Hähnchen passiert, die Boris nicht essen kann, so geldgeil wie die hier sind. Kannst du ja nächste mal beim „Chicken Club“ wieder ein Menü ordern. Am besten Maxi. Dann hat sich das hier wenigstens gelohnt. Wäre ich mal zum Arbeitsamt gegangen. Nein. MÜSSEN wir nicht. Nichts müssen wir. Außer, dass mein Knackarsch als Hähnchenpressfleisch in einer Junior-Tüte enden wird. Na dann, guten Appetit, Bettina Bums und Karl Arsch!“
Irgendwann hörte ich ihm nicht mehr zu. Meine Gedanken waren ganz woanders. Ich wollte einfach wissen, in was für einen totalen Schwachsinn wir hier hinein geraten waren. Das war alles so unglaublicher Quatsch, würde ich diese Geschichte nicht selbst erleben, ich würde mich einer ambulanten Lobotomie ohne Betäubung unterziehen lassen, nur damit das aufhört. Nun war es aber so wie es war und ich wunderte mich weiter, was es genau mit diesem ganzen Frittieren und Enthaupten auf sich hatte und was das mit dem zu tun hatte, was Bonebreaker da eben von sich gegeben hatte. Vernetzen. Verkabeln. Gläserner Mensch. Gläserne Welt. E-Mails. Außerdem stellte sich die Frage: Welche Rolle spielte Judith und weshalb war die auch so wie die hier. Wo steckte die? Oder der Koffer. Nein. So konnte das nicht enden. Nicht mit so vielen ungeklärten Fragen. So enden solche Geschichten nie.
Ich wusste: Ich musste etwas tun.
Soviel war sicher.
Ich wandte mich an den Typen neben mir: "Sag mal, we...“
Er sauste hinunter und kam zwei Sekunden später wieder hoch. Es roch knusprig.
Ich sollte etwas tun.
Soviel war sicher.
„Hey!“ rief ich dem direkt vor mir hinüber. „Wo kann ma...“
Er sauste hinunter und kam zwei Sekunden später wieder hoch. Ich bekam Hunger.
Wenn ich die Chance hätte.
Soviel war sicher.
„Tom, jetzt hör mal auf zu jamme...“
Tom sauste fluchend hinab und kam zwei Sekunden später wieder hoch. Auf Hühnchen.
Ich würde sterben.
Soviel war sicher.
Selbst eines meiner Kinderliedchen rettete mich nicht aus der nun gerade gefundenen seelischen Agonie. Nach allem was ich erlebt hatte, was mein Leben so lebenswert gemacht hatte, würde es hier enden. In einer Höhle voll mit triefendem Fett und umgeben von Fremden war alles, was von mir übrig bliebe, mein Körper als Fleischbeilage auf einem Fitness-Salat und mein Kopf auf dem Gestell eines Androiden. Zumindest würde ich nicht mehr altern, soviel hatte Judith ja verraten. Aber „Headbangen“ war auch nicht mehr.
Ich ergab mich in mein Schicksal und wurde praktischerweise ohnmächtig vor Panik.
Als ich aufwachte, war ich alleine. Alle anderen waren fort und der See aus Fett war verschwunden. Eine Wischmob-Kompanie wischte die Fettreste vom Boden. Ich schaute mich von meiner erhabenen Position aus unter ihnen um, um zu sehen, ob Tom oder Judith dabei waren. Waren sie aber nicht. Ich war wirklich ganz alleine. Der letzte Mensch inmitten der Blechmänner. Sie hatten mich hier oben vergessen. Nun würde ich zwar nicht frittiert. Aber dafür würde ich vermutlich verhungern, mit dem Duft von frittiertem Fleisch in der Nase.
Dann sauste ich doch noch hinab.
„Stop!“ schrie ich. „Stop! Das Fett ist weg. Ihr habt das Fett weggemacht! Stop!“ Ich presste die Augen zusammen und ballte meine Fäuste in Erwartung, zerschmettert zu werden. Nicht einmal mein Kopf würde übrig bleiben. „Stop!“ schrie ich noch einmal. Ich wurde erhört und abrupt gebremst. Als ich die Augen öffnete, sah ich in die von Boris Bonebreaker. Neben ihm stand Judith.
„Du sagst, dass ist er? Du bist dir sicher, dass du den richtigen hergebracht hast, 168.21.6.72?“ fragte Boris wohl Judith, mich jedoch anstarrend.
„Ja, 168.15.5.75. Er ist der Auserwählte. 127.0.0.1. localhost. Er ist der einzige, den ich kenne, der in allen Netzwerken dieser Welt angemeldet ist und ich kenne niemanden, der effektiver prokrastinieren kann als er. Wenn der sich was vornimmt, macht er es garantiert nicht und erzählt allen davon. Er ist der Messias der Nutzlosigkeit. Er wird der Welt zeigen, was für eine Zeitverschwendung Arbeit ist und das man die Zeit viel besser mit noch überflüssigeren Dingen vergeuden kann. Er kann die Menschheit von der Geißel der Maloche befreien. Er ist der Auserwählte. 127.0.0.1. localhost.“
Ich mischte mich ein. „Ich komme nicht mehr mit. Wie jetzt? Wer ist dieser Horst? Und was heißt das: Nicht mehr arbeiten? Ich dachte, ihr wollt dass die alle alles einkaufen oder so.“
„Ja. Erst, localhost.“ redetet nun wieder Boris. Langsam und bedacht. Währenddessen musterte er mich so, wie ein Restaurator wohl ein Gemälde betrachtet. Weniger schaute er mich an, als in mich hinein und durch mich hindurch. „Ja. Zuerst.“ wiederholte er sich „Und wenn wir dann genug Geld haben, nimmst du ihnen den Willen zur Arbeit weg und befreist sie und dann gehört bald alles auf dieser Welt uns, weil keiner mehr genug Geld hat, um was zu kaufen. Du bist der Auserwählte. 127.0.0.1. localhost. Endlich bist du zuhause. Bringt ihn zum Terminal.“
Dann brachten Sie mich zum Terminal.

Markus Freise | Beitrag 5 | 26.02. - 05.03.